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Betriebsräte und Finanzinvestoren - Beschäftigungssicherung
Kurzfristiger Finanzinvestor = Heuschrecke?
Stimmt die Formel Finanzinvestor gleich Heuschrecke, d.h. Plünderer, die Unternehmen mit hohen Schulden beladen und Entlassungen initiieren? Sicher nicht immer, doch es gibt Heuschrecken (engl. locusts) in dieser Branche, und ihre Aktivitäten nehmen zu.
Private-Equity-Fonds haben mit Hedge-Fonds viel gemeinsam: beträchtliche Renditeversprechungen, hohe Kreditaufnahme und Außenstehende haben keinen Einblick in die Geschäfte. Im Unterschied zu Hedge-Fonds handelt es sich bei ihnen um sogenannte geschlossene Fonds. Sobald das Geld für ein bestimmtes Investitionsvorhaben zusammen ist, wird der Fonds geschlossen. Die Anleger sind anteilig am Gewinn beteiligt und haften nur mit ihrer Einlage. Um die konkreten Geschäfte kümmert sich ein hoch bezahltes Management. Die Anleger interessiert nur eine möglichst hohe Rendite.
Vorgehensweise und Strategie von Private-Equity-Fonds und Hedge-Fonds:
1. Fonds auflegen: Es beginnt mit dem Einsammeln von Kapital. 2006 waren es weltweit nach Schätzungen rund 300 Milliarden Dollar.
2. Unternehmen kaufen: Mit dem Kapital wird ein Unternehmen gekauft oder sich maßgeblich an ihm beteiligt. Bis zu 90 Prozent der Kaufsumme wird über Kredit finanziert.
3. Gewinne hochtreiben und/oder Unternehmen ausschlachten: Übliche Mittel sind: massiver Stellenabbau, Lohnkürzungen, Arbeitszeitverlängerung,Einsatz billiger Leiharbeiter, Zusammenlegung oder Verkauf von Unternehmensteilen, Investitionsstopp, Aneignung des Firmenvermögens, über Kredit finanzierte Sonderausschüttungen.
4. Ausstieg mit Profit: Nach der Durchkapitalisierung des Unternehmens und dem etwaigen Verkauf von Unternehmensteilen wird das Unternehmen nach drei bis vier Jahren mit Gewinn weiterverkauft oder an die Börse gebracht. Bei zuvor ausgeschlachteten Unternehmen wird der Rest verkauft oder geht in Konkurs.
(Zitate: VerDi Broschüre Finanzkapitalismus Oktober 2007)
Die Perspektive von Betriebsräten
Aus der Sicht des Betriebsrats ist es nicht einfach, eine Heuschrecke zu erkennen. Nicht alle sind böse: Da gibt es auch Weiße Ritter, Retter in der Not, die Unternehmen schützen, z.B. vor einer feindlichen Übernahme. Sie bringen das vielzitierte frische Kapital, setzen es zum Wohl des Betriebes ein, übernehmen langfristig Verantwortung.
Dann sind da aber auch die Räuber (engl. raider), die so viel Geld aus dem Unternehmen heraus ziehen, dass es um die Existenz geht. Die mit dem erbeuteten Geld weiter ziehen, um weitere Unternehmen zu schädigen, und damit auch: Beschäftigte, Zulieferer, Kunden, Gemeinden, Steuer- und Sozialkassen. Helmut Schmidt nennt das Raubtierkapitalismus. Sie missachten auch Gesetze. Oder sorgen qua Lobby für neue, für ihre Zwecke passende.
Wessen Interessen haben Vorrang?
Im Zuge der Globalisierung werden Normen wie Art. 14 (2) des Grundgesetzes aufgeweicht (Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.) Heuschrecken schädigen die Allgemeinheit. Durch Fondsmanager wird die nationale Unternehmensverfassung einer europäischen Firma mit den internationalen, sprich: angelsächsischen Standards verglichen und für mangelhaft befunden. (Zitat: Werner G. Seifert, Ex-Vorstand der Deutschen Börse, in Invasion der Heuschrecken, 2006).
Beim Angriff von Hedge Fonds und ihrer Gehilfen auf die Deutsche Börse 2005 gab es Aktivismus und abgesprochenes Vorgehen einiger Aktionäre, beides Rechtsverstöße. Nun wird oft übersehen, dass man eine extrem regulierte Gesellschaft braucht, damit ein Marktsystem funktioniert. Wenn es keine Gesetze gibt, gibt es auch nicht Angebot und Nachfrage dann ist Stehlen billiger. Jetzt kommt es darauf an, das Finanzsystem so zu regulieren, dass es stabil wird. (Zitat: Dennis Snower, Wirtschaftsprofessor, Kiel, Stern-Interview 2008). Attac, das globalisierungskritische Netzwerk, fordert die Tobin-Steuer, um Transparenz in die Finanzströme zu bringen. Die Politik ist gefordert: 1995 und 2004 haben Bundesregierungen das Treiben erst ermöglicht, 2008 geht es um weitere Liberalisierungsschritte. Die hohen Renditen der Heuschrecken werden durch Steuergeschenke subventioniert. (Zitat: Angela Maier in Der Heuschreckenfaktor 2007).
Mit Wolfgang Seifert kann man fragen: Wem nützt der radikale share-holder-value Aktivismus kurzfristiger Finanzinvestoren? Zwei Welten prallen aufeinander. Für die produzierende Wirtschaft, ihre Beschäftigten, steigt das Risiko. Bleibt der Nutzen für die kleine Minderheit sehr reicher Geldgeber und die Manager der Fonds. Das Konzept des Shareholder-Value sei ..(..).. grundsätzlich falsch, weil es Betriebe und ihren Zweck ausschließlich aus der finanzwirtschaftlichen Perspektive betrachte ..(..).. der Interessenlage der Börse, der Analysten, der Fondsmanager und eines Börsenpublikums, das gar kein Interesse an Unternehmen ..(..).. hat. (Zitat aus: Anders ist besser, Wendelin Wiedeking, 2006).
In punkto Mitbestimmung sind die - oft angelsächsischen - Turbokapitalisten eher unwissend, ihre lokalen Statthalter zynisch bis ignorant: Lippenbekenntnisse zum Einen, Missachtung zum Anderen, wie die Wirtschaftsjournalistin Angela Maier am Beispiel KKR´s Bieterschlacht um den Gabelstaplerbauer Kion zeigt.
Den Handlungsbedarf erkennen - keine einfache Aufgabe für Betriebsräte
Betriebsräte müssen erkennen, welche Sorte Finanzinvestor im Unternehmen antritt. Es geht darum, errungene Standards guter Arbeit im Betrieb nicht wehrlos zerstören zu lassen. Netzwerke der Gewerkschaften wie Private Equity der IG Metall, der Internationalen Gewerkschaftsföderation UNI, und die Hans-Böckler-Stiftung bieten hier Informationen, Internetforen und sammeln Daten.
Kennzeichen von Heuschrecken sind Namenlosigkeit und Schnelligkeit. Die Geldgeber wollen anonym bleiben und schnell Kasse machen. Die Internetseiten sind knapp gehalten. Firmennamen klingen blumig wie Lone Star und Blackstone, oder wie böser Hohn: The Childrens Fund International (TCI), Permira (lat. Überraschung), Cerberus (der Höllenhund), oder nichtssagend: Apax, CVC, EQT, TPG, ACR, Carlyle, KKR. Es gibt auch bekannte Namen: Investmentbanken und Versicherungen. Sie segeln lieber im Schatten der Fonds, statten sie mit den - auch für sie hoch profitablen - Krediten aus. Doch werden sie Gelegenheit macht Diebe mit Tochterunternehmen auch selbst aktiv. Sind Banken auf der Finanzierungs- und der Investorenseite zugleich aktiv..(..).. herrscht in puncto Abzocke Alarmstufe rot. (Zitat: Angela Maier).
Tipps für die Praxis
Wie aber eine Heuschrecke erkennen? Da ist der Wechsel im Management: Integre Manager tun sich hier schwer. Oft kommen Kennzahlenjongleure an der kurzen Leine: Wenig Wissen in Produkt und Branche, forscher Auftritt, Anglizismen. Es ist oft schwer zu verstehen: Der Zerstörer sitzt jetzt gegenüber im eigenen Unternehmen: Es geht ums schnelle Geld. Liquidität wird abgezogen.
Angela Maier nennt drei Heuschrecken-Regeln:
- Zeit ist Geld
- Fremdkapital ist Trumpf
- Die Zeche zahlt der Wirt.
Das geht so:
Zu 1:
Im Eiltempo Immobilien und Betriebsteile verkaufen, management to cost, Lagerbestände runterfahren, Lieferanten pressen, Investitionen sparen, Zahlungsziele strecken, Berufsbildung einstellen, Angst verbreiten, Stellen streichen, Leistungstreiberei, Desinformation, Beiträge von der Belegschaft fordern. Als Faustregel gilt, dass das eingesetzte Eigenkapital während der Halteperiode mindestens verdoppelt besser noch verdreifacht werden muss. (Angela Maier, 2007). Erfolgsmaß ist der interne Zinsfuß (IRR Internal Rate of Return), die Jahresrendite auf das eingesetzte Kapital. Je schneller mit Gewinn verkauft wird, desto höher der IRR.
Zu 2:
Kredite werden aufgenommen, deren betriebswirtschaftlicher Sinn für das übernommene Unternehmen nicht erkennbar ist, aber das Interesse der neuen Eigner. Deren Kreditgeber lassen sich Extra-Zinsen bezahlen. Hier erfolgt oft eine großzügige Risikobewertung, während sie neuen, kleinen und mittleren Unternehmen durch Risikozuschläge den Zugang zu Krediten erschweren, und sie somit - als eine Art Jagdhelfer - in die Fänge der Firmenjäger treiben. Die erhalten so einen Hebel (engl. Leverage), über dessen Wirkung - bei Eigenkapitaleinsatzquoten von 10 Prozent - der wirtschaftliche Einfluss der Fonds verzehnfacht wird, und das in der Regel ohne jegliche gesellschaftliche Kontrolle. Die Firmensitze der Fonds liegen oft noch vor London und New York in sogenannten Steueroasen, wie den britischen Kanal- oder den Cayman-Inseln. Dorthin geht im Wesentlichen steuerfrei das erbeutete Geld.
Zu 3:
Die Schulden belasten den Betrieb zusätzlich, also letztlich die Belegschaft, die zu noch mehr Produktivität oder gar Einkommenseinbußen gezwungen wird, und Beschäftigungssicherheit verliert. Eine Art später Thatcher-Effekt: Die Umverteilung von unten nach oben schädigt ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften. Ausgezahlte Sonderdividenden, Entnahmen, Zielerreichungsprämien, Management-Gebühren, Boni und Optionen erfreuen hingegen Fonds-Eigner und Manager.
Analog zur mittelalterlichen Quacksalber- und Aderlass-Medizin ließe sich sagen: Ein Patient, der diese Heuschrecken-Kur überleben soll, muss sehr gesund sein.
Weitere Informationen und Links
Weitere Handlungsmöglichkeiten des Betriebsrats zeigt der Artikel:
Artikel "Wie überlebt man eine Heuschrecke? Die Rolle des Betriebsrats bei Betriebsübernahme durch einen Finanzinvestor am Beispiel einer Produktions-GmbH" (Quelle AiB 11/2007; PDF 448 KB)
Link zur Hans-Böckler Stiftung mit wissenschaftlichen Studien und Gutachten über die Strategien von Private Equity und Hedge Fonds
Link zum Netzwerk Private Equity der IG Metall: http://netkey40.igmetall.de/homepages/netzwerk-pe/
Download Präsentation "Fusionen / Übernahmen durch Finanzinvestoren - Handlungsmöglichkeiten für den Betriebsrat" (PDF, 3 MB, Autoren: Viktor Steinberger, TBS NRW; Kai Beutler, Rudi Bender, bsb GmbH)
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